„Sei doch nicht immer so passiv aggressiv!“
1. Wahrnehmen, was ist!

“Er reagiert einfach immer so passiv aggressiv! Kann er nicht einfühlsamer sein?”

In diesem Artikel erfährst Du mehr über die erste Stufe der achtsamen Kommunikation. Sie ist das Fundament für die weiteren Stufen, die darauf aufbauen. Deshalb solltest Du dieser ersten Stufe besondere Bedeutung beimessen.

passiv aggressiv
Photo by Kyle Glenn on Unsplash

Übersicht

Wahrnehmen, was ist

Es ist keine Selbstverständlichkeit, das wahrzunehmen, was ist. Meistens interpretieren wir sofort unbewußt ein Verhalten oder eine Situation und mit der Interpretation sind meistens starke Gefühle verbunden, die wir dann erleben. Wir spüren dann diese Gefühle und verhalten uns ihnen entsprechend. Außerdem halten wir das, was wir interpretieren, für die Wahrheit und können uns gar nicht vorstellen, dass es auch anders sein könnte. 

Ein kleines, eigenes Beispiel

Ich illustriere dies mit einem kleinen Beispiel aus meinem eigenen Liebesleben:

Mein Mann und ich sind seit über 40 Jahren zusammen und seit 37 Jahren verheiratet. Wir kennen uns schon seit 43 Jahren… Man kann also sagen, dass wir uns sehr gut kennen.

Während ich mir früher nie Gedanken über seine Verhaltensweisen gemacht habe (und machen musste), kam es vor vielen Jahren aber dazu, dass ich anfing, mir Gedanken zu machen, ohne dies mit ihm sofort durch zu sprechen. 

Ich habe einen sehr sanftmütigen Partner und selbst dann, wenn er schon mal Alkohol getrunken hatte, war er sanftmütig und liebevoll.

Wenn ich an der Spüle in unserer Küche stand, und er dort dran musste (entweder weil er das Geschirrspülmittel brauchte oder was in den Abfall werfen wollte), stand er in einigem Abstand geduldig hinter mir, ohne ein Wort zu sagen und wartete, bis ich meinen Arbeitsgang beendet hatte. Oftmals sagte ich ihm: „Du kannst doch was sagen, dass Du hier daran musst. Ich wäre doch zur Seite gegangen!“ Aber er sagte dann: „Wieso? Ich kann doch warten!“

Als wir uns beide so schleichend in unseren Burnout manövriert hatten und keine Energie mehr für gar nichts hatten, kam es so, dass mein Mann auf den vielen Stress und Druck mit sehr starkem Bluthochdruck reagierte. Wir wussten dies damals aber noch lange nicht. 

In einer Situation an der Küchenspüle stellte ich nun fest, dass mein Mann mich ohne Worte einfach beiseite schob. Ich interpretierte sein Schieben als ruckartig und mir ging es innerlich gar nicht gut damit, da ich den Eindruck hatte, dass er sich wesensverändert hatte und mir nun eine (zwar sehr sanfte, aber für ihn absolut ungewöhnliche körperliche Gewalt) entgegen geschlagen war.

Ich reagierte entsetzt, geschockt, den Tränen nahe. Ich wusste nicht, was los war und war irritiert. Welchen Anlass hatte ich ihm gegeben? Hatte ich was nicht mitbekommen?

Ich war fest davon überzeugt, dass mir hier eine sehr massive Form passiv aggressivem Verhaltens von ihm entgegenschlug. So sprach ich ihn anschließend darauf an und sagte ihm, dass er sich aus meiner Sicht mir gegenüber passiv aggressiv verhalten habe. 

Mein Mann verneinte dies. Ich bestand auf meiner Wahrnehmung und war davon überzeugt, dass ich Recht hatte. Wie bitte soll sich jemand dagegen wehren, wenn ihm etwas unterstellt wird, was aus einer Sicht gar nicht vorhanden ist?

Nun ist passive Aggressivität etwas sehr Subtiles. Dem Betroffenen, der sich passiv aggressiv verhält, ist es meistens gar nicht bewußt, dass das Verhalten von Außenstehenden als aggressiver Akt wahrgenommen wird. 

Ich weise auf meinen gesonderten Blogartikel zum Thema passive Aggressivität hin….

Wenn man jemandem etwas vorwirft, was ihm selber nicht bewußt ist, ist es für den anderen so, als ob man ihm etwas vorhält, was für ihn nicht der Wahrheit entspricht. Dies gilt vor allem für Dinge, die oftmals negativ besetzt sind.

Aggressivität ist ein weiten Kreisen der Bevölkerung etwas, was man besser nicht hat. Man hört viel lieber, dass man ausgeglichen ist . Aber: Das man aggressiv sein soll? und dann auch noch in einer subtilen, fast schon verschlagenen Form?

Mein Mann und ich gerieten immer mehr aneinander, denn ich war überzeugt, dass er passiv aggressiv sei, und er war davon überzeugt, dass ich seine Verhaltensweise, völlig fehlinterpretiert hatte….

Insbesondere stellte ich an mir selber fest, dass ich immer wütender wurde, während er so friedlich wie immer da saß und NICHTS ihn und sein Gemüt trüben konnte….

Auch das gehört zur passiven Aggressivität nun einmal dazu: Man “lässt“ andere die Gefühle ausleben, die man sich selber nicht zugesteht.. 

Da ich ja nun auch ein angenehmer Mitmensch, die liebende und stets liebevolle, achtsame Ehefrau sein wollte, konnte auch ich es rein gar nicht haben, dass ich plötzlich aus der Haut fahren und mich aggressiv verhalten konnte. Dies passte so gar nicht zu mir und meinem Wesen, dachte ich…

Im Ergebnis war ich selber in eine Falle getappt, in die viele Menschen tagtäglich hinein tappen: Ich hatte die Wahrnehmung nicht von meiner Interpretation getrennt.

Viel schlimmer noch: Ich habe mich mit der Antwort meines Partners nicht sorgfältig genug auseinander gesetzt, denn ich beharrte auf meiner Interpretation der Dinge, ohne seiner eigenen Interpretation bzw seiner Stellungnahme eine Daseinsberechtigung zuzugestehen!

Es folgten noch  viele Situationen, in denen ich immer wieder sagte: „Siehste!“, und ihm in allen Varianten passiv aggressives Verhalten unterstellte. 

Das Ergebnis: Mein Mann leugnete alles, fühlte sich vorgeführt, beobachtet. Er kam vor allem keineswegs auf die Idee, sich mit meiner Wahrnehmung seines Verhaltens aktiv aus einander zu setzen. Er war zum Einen viel zu sehr in seinem eigenen burnout gefangen. Zum Anderen war es für ihn vielleicht gar nicht an der Zeit, sich mit seinen eigenen inneren Themen zu beschäftigen.

Vor allem ging er auf innere Abwehr, weil es für ihn wie ein Vorwurf klang, wenn ich ihm wieder einmal „passiv aggressives Verhalten“ unterstellte, und er dies noch nicht einmal entkräften konnte, denn: wie soll man etwas, was nicht da ist, entkräften?…

Damals gab es zum Thema auch kaum Literatur. Es war ein noch eher unbekanntes Phänomen und so fand ich auch niemanden, mit dem ich hätte drüber sprechen können….

Die Dynamik zwischen uns Eheleuten hat das Ganze jedenfalls damals nicht gerade verbessert: Er war verärgert, wenn ich ihm wieder mal Vorhaltungen machte, ich war verärgert, wenn er wieder einmal leugnete!…

Wahrnehmen, was ist. Das bedeutet, schlicht erst einmal ein Verhalten wahr zu nehmen und bewußt noch nicht zu interpretieren oder zu bewerten.

Wenn wir beides sofort gemeinsam in einem Gedanken tun, handeln wir uns nur Probleme ein.

Im Nachfolgenden gehe ich also zunächst auf das Wahrnehmen ein und anschließend auf das Bewerten,

Wahrnehmen als Tatsachenbericht

Das Wahrnehmen, was ist, ist vergleichbar mit einem Tatsachenbericht oder einer Sachverhaltsschilderung.

Sie sollte emotionslos möglich sein und sich auf die Aufzählung von Tatsachen und Beobachtungen/Wahrnehmungen beschränken. 

Beispiel: Im Wald zwitschern jetzt gerade die Vögel. Die Sonne scheint und ein grünes Farbspiel in allen Schattierungen spiegelt sich im Farn, dem Laub der Bäume und den vielen anderen Grünpflanzen. Der Waldboden ist trocken, die Temperatur liegt bei ca 20 Grad, es weht ein leichter Wind….

Bei einer solchen Beschreibung kommt niemand auf die Idee zu widersprechen, es sei denn, jemand hat eine rot- grün Sehschwäche oder was an seinen Ohren. 

Das bedeutet, es gibt im Gespräch immer eine gemeinsame Basis. Deshalb nenne ich dies auch das Gesprächsfundament. 

Wenn Du Beispiele brauchst, wie Du gut neutral formulieren kannst, so kannst Du dir den Sachverhalt in einem Gerichtsurteil durchlesen. Du kannst in den öffentlich rechtlichen Sendern die Nachrichtenformulierungen in aller Regel als Beispiel nehmen oder die Nachrichtenkurzmeldungen der DPA oder von Reuter. 

Kurz und knapp: “down to the facts!”

Wahrnehmen, was ist, das bedeutet: Kurz und knapp down to the facts.

Erst in einem inneren nächsten bewußten Schritt geht man dazu über, sich dann darüber klar zu werden, welche Bedeutung man selber dieser Tatsache beimisst. 

Das bedeutet: Ich interpretiere die Verhaltensweise meines Mannes mir gegenüber als passive Agggressivität. 

Was ist der Vorteil einer gestuften Herangehensweise? 

Durch die Entschleunigung besteht die Möglichkeit, sich selber darüber klar zu werden, was Fakt ist und was persönliche Interpretation.

Man kann und sollte zunächst über die Tatsachen mit einander ins Gespräch gehen und klären, ob die Tatsachen eine gemeinsame Basis sind. Manchmal entgehen dem einen oder anderen zentrale Details, die im Gespräch sich dann herauskristallisieren können.

Interpretation und Bewertung

Erst im zweiten Schritt kann es Sinn machen, ein Verhalten, eine Situation zu bewerten und zu interpretieren. 

Eine Bewertung setzt aus meiner Sicht voraus, dass man ein eigenes Bewertungssysten haben sollte und sich seiner Wertvorstellungen auch bewußt sein sollte . 

(Das Klären der eigenen Werte und Wertvorstellungen ist übrigens zentrales Thema in meinem Kurs: Paarplan ins Glück sowie dem Rosenquarzprogramm, dem Jadeprogramm und dem Wassermelonenturmalinprogramm!)

Grundsätzlich halte ich es für wichtig, sich stets bewußt zu machen, dass ich mich im Bereich meiner Interpretation befinde und damit den Boden von einer logischen Beweisführung verlassenden Tatsachenbeschreibung verlasse. Ich betrete mit der Interpretation also einen neuen Raum, ein neues Gebiet.

Die Interpretation entsteht ja nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht aufgrund von Erfahrungswerten, die wir im Laufe unseres Lebens angesammelt haben. 

Es sind Erfahrungen mit der konkreten Person und einem konkreten Sachverhalt, den wir vielleicht ähnlich schon mehrfach mit ihr erlebt haben. 

Gleichwohl sind es in aller Regel unsere Interpretationen, die dazu führen, dass wir ein Verhalten bewerten, ihn einen bestimmten Wert und eine Relevanz beimessen. Und was noch wichtiger ist: so, wie wir es bewerten, so verhalten wir uns dann auch so. 

Die eine oder andere kennt vielleicht die wunderbare Geschichte von Paul Waczlawik. Ich meine

Die Geschichte mit dem Hammer

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.
Doch da kommen ihm Zweifel:
Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will?
Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. 
Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich.
Und was?
Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort.
Und warum er nicht?
Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen?
Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat.
Jetzt reicht's mir wirklich. – 

Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch noch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!"

Paul Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein,
Ungekürzte Taschenbuchaugabe, 21. Auflage November 2000,
Piper Verlag GmbH, München,
S. 37ff. und S. 105 ff

Hier kannst Du die Geschichte, von Paul Watzlawik selbst vorgetragen, bei YouTube nachhören:

Es sind vor allem die  Erfahrungswerte aus anderen Kontexten, die wir mit anderen Menschen gemacht haben oder bei anderen Menschen beobachtet haben , die wir nun innerlich irgendwie auf eine neue Person mit unseren Interpretationsversuchen transponieren wollen.

Das sind dann all diese Situationen, in denen wir unserem Gegenüber schrecklich unrecht tun, denn wir interpretieren in seine Verhaltensweisen etwas hinein, das wir irgendwo anders erlebt haben. Wir versuchen quasi, einem anderen Menschen ein Verhalten unterzujubeln, das er gar nicht begangen hat, wenn wir anfangen, ein Verhalten zu interpretieren, ohne es zuvor auf seinen Wahrheitsgehalt für uns selber  und im Gespräch mit dem Betroffenen geklärt zu haben.

Wahrnehmen ohne Bewertung

In dem Bereich des Wahrnehmen ohne zu bewerten  und ohne sofort gleichzeitig zu interpretieren, entstehen die vielen Probleme der Projektion und der Annahmen von Projektionen in Form von Gegenprojektionen.

Diese Begriffe kommen aus dem Bereich der Tiefenpsychologie und beschreiben ziemlich genau das, was ich gerade zu erklären versuche.

Projektion

Bei einer Projektion nutze ich quasi einen Menschen, der mit einer Sache nichts zu tun hat, als weiße Projektionsleinwand für meine schlechten Erfahrungen, Befürchtungsphantasien und Ängste. Ich projiziere meinen eigenen Film mit meinen schlechten Erfahrungen in ihn und in unserer Beziehung hinein. Ich spule jetzt quasi einen alten Film ab und wiederhole mit einem ganz anderen Menschen eine Situation, mit der er im Grunde genommen gar nichts zu tun hat.

Er bekommt davon ebenso wenig mit, wie ich selber, denn all diese Vorgänge spielen sich bei uns allen stets und ständig im Verborgenen ab. 

Annahme und Gegenprojektion

Wenn ich nun an einen Sparrings-Partner gerate, der die Projektion auch noch annimmt, dann fängt er an, sich wie ein Schauspieler genau so zu verhalten, wie die Rolle es im Film für ihn vorschreibt. Das ist die Situation der Gegenübertragung oder Gegenprojektion.

Ausweg? 

Diesem ganzen Durcheinander können wir entgehen, wenn wir anfangen, uns zu gestatten, einfach nur erst einmal wahr zu nehmen, was Fakt ist.. Wir können Chaos vermeiden, wenn wir einfach darauf verzichten, jedes und alles stets und ständig zu bewerten, zu kommentieren, zu interpretieren. 

Wenn wir in zwei Stufen mit einander umgehen und uns dies zur Routine werden lassen, werden wir rasch merken, wie viel fruchtbarer die Gespräche verlaufen und wie viele Missverständnisse und Fehlinterpretationen, die natürlich auf beiden Seiten vorhanden sind, damit aktiv verhindert werden können!

Zurück zu unserer oben beschriebenen Ehesituation

Es wäre für mich damals besser gewesen, genau in mich hinein zu spüren, was genau diese Situation in mir zum Klingen gebracht hat. Ich hätte die Ursprungssituation sehr schnell heraus gefunden!

Es war ein ganz anderer Kontext, in dem mich jemand tatsächlich mal sehr wenig empathisch behandelt hatte. Er hat jegliches Gespräch mit mir unterbunden, mir die Themen vorgeschrieben, mich im Vorfeld examiniert, worüber ich denn mit ihm sprechen wolle und sehr klar gesagt, über welche Themen ich sprechen dürfe und über welche nicht.

Die Gespräche waren eine einzige Katastrophe, da mein Gegenüber nur schweigend stumm da saß, sich alles anhörte, mir irgendwann sagte: “Sind Sie fertig?” und mich dann zur Tür begleitete.

Solch eine schräge beklemmende Situation habe ich noch nie zuvor in meinem Leben erleben müssen und glücklicherweise NICHT mit meinem Liebespartner sondern wie gesagt ein einem ganz anderen Kontext. Bei diesem anderen Menschen hatte ich unter anderem die passive Aggressivität in allen Varianten erlebt, vor allem auch die Szene mit dem Schubsen, die sich sogar in einer Küche abgespielt hatte. 

Ich hatte also die alte, schmerzhafte Situation und die gesamte damit verbundene schmerzhafte Zeit auf meinen Mann und die Situation in unserer Küche transponiert!

Deshalb war ich auch innerlich so entsetzt!

Meine ganzen heftigen Gefühle kamen aus einer anderen Zeit und aus ganz anderen Erfahrungswerten! Vor allem aus Erfahrungswerten, die ich mit einem ganz anderen Menschen gemacht hatte! 

Ich bin überzeugt davon, dass die meisten Ehekrisen durch solche Situationen zustande kommen. 

Das liegt daran, dass wir oftmals unbewußt in unseren Partner wechselseitig unsere eigenen alten Filme hineinprojizieren.

Wir haben ein bestimmtes inneres Bild davon,

  • wie Zusammenleben funktionieren soll, 
  • wie unsere Eltern und Großeltern zusammen ihr Leben gestaltet haben,
  • wie unsere Beziehung zu unseren Eltern geprägt war. 
Als Frau:

Mussten wir um die Gunst des Vaters buhlen  oder kämpfen, weil wir ja „bloß ein Mädchen“ waren?
Oder waren wir Vaters Liebling?
Stellten wir problemlos unsere Mutter damit in unseren Schatten und führte sie fortan ein wahres Schattendasein?
Lehnte sie uns dafür, dass wir potzlich all die Liebe des Vaters für uns alleine hatten, vielleicht ab oder hasste sie uns dafür vielleicht sogar? 
Wie war unsere Rolle zur Mutter?
Waren wir dazu verdammt, ein kleines Mini- Me der Mutter zu sein? Uns als ihr Ableger zu entwickeln?
Durften wir eine eigene Identität entwickeln oder war das nur im Schatten der Mutter und ihren engen Vorgaben möglich?

Als Mann:

Waren wir Mutters Held?
Machte sie ihren Partner verächtlich und gab sie uns das Gefühl, dass wir ihr Prinz sind und die wichtigste Rolle in ihrem Leben spielen?
Kämpften wir um die Gunst der Mutter, weil wir die Schwester ihr näher stand und sie daher keinen Prinzen brauchte? 
Hat die Mutter mit uns nichts anfangen können?

All diese Dinge

  • haben unser Sein in der Welt geprägt. Die oben genannten Fragen sind nur exemplarisch zu verstehen. 
  • haben in uns eine Fülle an Bedürfnissen unterschiedlichster Art ausgebildet.

Solange wir uns nicht bewußt machen, wie unsere Herkunftsgeschichte ist, brauchen wir gar nicht damit anfangen, an unserem Partner herum zu doktorn und ihm zu beweisen, dass mit ihm etwas nicht stimmt…

In der Regel ist es eher so, dass wir stets und ständig unsere eigenen Erlebnisse in den Partner und in Situationen hinein interpretieren und somit selber einen wichtigen Baustein dazu legen, dass es zu Problemen und dicken Missverständnissen kommt. 

Wir sind zu 50 Prozent für unsere Partnerschaft und deren Entwicklung verantwortlich. Diese sollten wir kultivieren und deshalb damit anfangen, ein solides Fundament zu bauen, auf dem eine Beziehung ewig halten kann. 

Wir haben es zur Hälfte in der Hand, uns damit zu beschäftigen, wie wir Beziehung leben und gestalten wollen. Wir haben es vor allem in der Hand, ob wir uns entwickeln und in erster Linie über uns selber dazu lernen wollen. 

Das Fundament hierzu grundsätzlich zu legen, ist nicht nur spannend und mit vielen neuen Erfahrungen verbunden. Es verbessert zudem noch unsere Sicht auf die Dinge und die Welt selbst. 

Schlußendlich kann man ja wie gewohnt in einem weiteren Schritt bewerten, interpretieren und beobachten, wenn einem danach ist.

Ich muss allerdings sagen: Je mehr ich erkannt habe, dass es mir gar nicht zusteht, Verhalten bei anderen zu bewerten oder zu interpretieren, desto freier und offener wurde ich im Umgang mit ihnen. Ich konnte mich öffnen für die Tatsache, dass es genauso viele Möglichkeiten gibt wie es Menschen gibt, Dinge zu betrachten und zu erleben. 

Ich habe dazu gelernt, dass es andere Ansichten gibt, die für andere genauso wichtig und stimmig sind, wie meine für mich. 

Und das ist eine große Bereicherung! Ich denke mir nun innerlich immer: „Ach, schau an! So kann man das auch machen! So kann man das auch sehen!“ und freue mich, mal wieder was Neues gelernt zu haben.

Mir selber ist nun wichtig, dass ich

  • mich selber gut kenne,
  • meine Reaktionen gut kenne,
  • meine Gedanken, die meinen Reaktionen zugrunde liegen, gut kenne,
  • meine Gefühle und Bedürfnisse nicht nur gut kenne, sondern auch ins Wort nehmen und darüber sprechen kann.

Wenn es mir natürlich dann auch noch gelingt, sofort mit größter Achtsamkeit, die Ursprungssituationen zu erinnern und darüber zu sprechen, dann gibt es ein ganz anders Bild und eine ganz andere – viel tiefere – Kommunikation von Herz zu Herz zwischen mir und meinem Partner. 

So hat ein Gespräch über eine scheinbare Kleinigkeit plötzlich eine Relevanz und wir können uns im Gespräch sehr nahe kommen,

  • weil wir einander zuhören,
  • weil wir einander unsere Emotionen uneingeschränkt zeigen können,
  • weil wir kein Blatt vor den Mund nehmen müssen und es uns nicht nachtragen, wenn wir nicht druckreif mit einander sprechen oder streiten.

Xanthippe

Der Philosoph Sokrates hatte eine Frau namens Xanthippe.
Das bedeutet zänkisches , streitsüchtiges, ungehaltenes und unbeherrschtes Weib. Sie muss schon extrem gewesen sein. Wen es interessiert, der schaue mal bei wikipedia Näheres nach.
Sokrates wurde gefragt, weshalb er bei dieser Frau bleibe.
Er antwortete in dem folgend beschriebenen Dialog sinngemäß:

„Wenn du dieser Meinung bist, Sokrates, sagte Antisthenes, wie kommt es, daß du die Probe nicht an deiner Xanthippe machst, sondern dich mit einer Frau behilfst, die unter allen lebenden, ja, meines Bedünkens, unter allen die ehemals gelebt haben und künftig leben werden, die unerträglichste ist.
Das geschieht aus der nämlichen Ursache, versetzte Sokrates, warum diejenigen, welche gute Reiter werden wollen, sich nicht die sanftesten und lenksamsten Pferde, sondern lieber wilde und unbändige anschaffen; denn sie denken, wenn sie diese im Zaum zu halten vermöchten, werde es ihnen ein leichtes sein, mit allen andern fertig zu werden. Gerade so machte ichs auch, da ich die Kunst mit den Menschen umzugehen zu meinem Hauptgeschäfte machen wollte: ich legte mir diese Frau zu, weil ich gewiß war, wenn ich sie ertragen könnte, würde ich mich leicht in alle andere Menschen finden können.“
– Xenophon, Gastmahl

Fundstelle: Wikipedia Stichwort: Xanthippe. Charakter

Es geht beim Wahrnehmen ohne zu Bewerten übrigens noch tiefer. Die Wahrnehmung ist ein höchst achtsamer und spiritueller Vorgang, mit dem wir uns mehr und mehr hinein begeben in unsere eigene innere Wirklichkeit unserer Seelenlandschaft. 

Es gehört natürlich dazu, nicht nur vom Verstand her wahrzunehmen, was ist, sondern vom Herzen her. Damit sind alle Sinne angesprochen. 

Dies wird ein weiterer Blogartikel zum Thema: 

Wahrnehmen, was ist: Mit allen Sinnen, von allen Sinnen. 

Liebe Grüße, Deine Evelyn

Schreibe einen Kommentar